Obwohl Julia in der zehnten Klasse zumindest überwiegend Zeitzugaben bekommt und ihre Schreibhilfe nutzen darf, erreicht sie ihr früheres Leistungsvermögen nicht mehr. Auffallend ist eine große Leistungsdiskrepanz zwischen entspannten Situationen und Prüfungssituationen. Als z.B. die mündliche Abschlussprüfung in Klasse 10, die sie im Fach Latein absolviert, geprobt wird, erreicht sie die Note ” gut “. Bei der späteren echten Prüfung bricht sie völlig ein und scheitert sogar an Vokabeln, obwohl sie wie viele sehbehinderte Schüler über ein sehr gutes Langzeitgedächtnis verfügt und von ihren Mitschülern ” das Wörterbuch ” genannt wird. Zu diesem Zeitpunkt vermuten wir noch, dass Julias Probleme mit ihrer Sehfähigkeit in Zusammenhang stehen könnten.

Zu Beginn der Klasse 11 stellen wir sie deshalb bei einem der anerkannt besten Schieloperateure Deutschlands an der Universitätsaugenklinik Kiel vor, da wir auch wissen wollen, ob wir ihr einen weiteren Schulbesuch überhaupt zumuten können. Das katastrophale Ergebnis: der komplizierte Schielfehler wurde an der Uni Hamburg nur unzureichend korrigiert. Die gewählte Operationsmethode ist veraltet und führt – wie auch bei Julia – häufig zu Rezidiven. Nachdem sie in Kiel nachoperiert worden ist, kann sie ihre Augen besser koordinieren und erreicht mit neuen Brillengläsern in Lese- und Fernbrille immerhin wieder ein Sehvermögen von 70 Prozent.

Wegen ihrer Zusammenbrüche in Stresssituationen wird sie noch ausgiebig neurologisch untersucht. Sämtliche Untersuchungen bleiben o. B., so dass ihre Stressreaktionen als Überanstrengung wegen des Augenfehlers gewertet werden. Die Ärzte empfehlen, dass sie sich ausgiebig ausruhen solle. Danach dürfe sie Ihren Schulbesuch wiederaufnehmen. Um sie nicht zu überlasten, lassen wir Julia für den Rest der 11. Klasse pausieren und beantragen eine Verlängerung der gymnasialen Oberstufe, die auch sofort genehmigt wird.

 

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